Ich kann doch nichts dafür, dass Sie das verstehen, was ich meine.

Der populistische Dreisprung hat sich von einer Randsportart zum Breitensport gemausert.
Provozieren – relativieren – dementieren: von Petry bis Trump gab es in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche Beispiele.

Neuer Rekordhalter: Donald Drumpf*

Letzterer, Trump, legte die Latte erst kürzlich wieder etwas höher, indem er subtil ins Gespräch brachte, Hillary Clinton per Schusswaffe vom Leben zum Tode zu befördern.
Den Ausschnitt der Rede gibt es zB hier:

Natürlich dauerte es nicht lange, bis es hieß, der Satz werde missverstanden (Relativierung). Schließlich wurde auch darauf hingewiesen, „die Medien“ (#Lügenpresse) betrieben Trump-Bashing, denn er habe das natürlich ganz anders gemeint (Dementierung). Denn in Wirklichkeit habe er sagen wollen, die „Second-Amendment-People“ könnten ja anders wählen.

Bisherige Spitzenreiterin: Frauke Petry

Bei Frauke Petrys Schießbefehl lag die Sache ähnlich. Erst schlug sie vor, an deutschen Grenzen auf Flüchtlinge zu schießen. Dann wurde es relativiert, denn tatsächlich sind Fälle denkbar, in denen Grenzbeamte auf Menschen schießen müssen/können/dürfen. Dass solche Fälle niemals bei Unbewaffneten, Frauen und/oder Kindern denkbar sind, wurde dabei geflissentlich übersehen. Und letztlich hieß es wieder, ihre würden die Worte im Mund herumgedreht (#Lügenpresse). Dabei war sie selbst es, die verzweifelt versuchte, ihre Aussagen nachträglich wieder hinzudrehen.

Keine Verfolger in Sicht

Es ist kaum denkbar, dass in naher Zukunft jemand in das Duell der Spitzenreiter eingreift. Donald Drumpf läuft in den USA regelrecht außer Konkurrenz. Petry muss bestenfalls die eigene Partei fürchten.

Es wird sich wohl so bald kein deutscher Politiker finden, der zum Beispiel vorschlägt, Frauke Petry zu erschießen. Und dann am nächsten Tag erklärt, er habe die Aussagen auf Situationen bezogen, in denen der Schuss natürlich das allerletzte, notwendige und gebotene Mittel zur Selbstverteidigung gegen einen Angriff Petrys auf dessen Leib und Leben ist.

*Heute bekannt unter dem Namen Donald Trump

Icebreaker

Prüfungstag 2 von 11, 8:32 Uhr:
Prüfungsaufsicht: »Heute findet eine Kontrollen auf unerlaubte Hilfsmittel statt. Dazu werden acht von Ihnen zufällig ausgewählt und von den Damen und Herren Wachtmeistern mit einem Metalldetektor abgetastet. Die Kontrolle dient der Wahrung der Chancengleichheit in der Prüfung.«
Er ruft acht Platznummern auf. Die entsprechenden Prüflinge stehen auf und werden wie angekündigt kontrolliert. Man findet überraschenderweise nichts.

8:37 Uhr:
Prüfungsaufsicht: »Sind nun von Ihrer Seite noch Fragen, bevor die heutige Prüfung beginnt?«
Alle sehen sich verwundert um. Jeder von uns hat das erste Examen schon mindestens ein Mal geschrieben. Es gab am ersten Tag schon keine Fragen. Das Prozedere ist immer genau dasselbe:
– Belehrung über unerlaubte Hilfsmittel
– letzte Chance, solche verschwinden zu lassen
– der versiegelte Umschlag mit den Prüfungsangaben wird gezeigt
– Ankündigung, die Angaben liegen zu lassen, bis das „Go“ kommt
– Angaben werden ausgeteilt
– »Hat jeder eine?«
– »Es ist jetzt 8:38 Uhr, die Schreibzeit endet um 13:38 Uhr, ab 13:23 Uhr ist kein vorzeitiges Verlassen mehr möglich, viel Erfolg!«
– fünf Stunden schreiben
– »Es ist 13:23 Uhr, Stifte weg! Bitte bleiben Sie am Platz, bis ihre Klausur eingesammelt wurde!«
Alle wissen das. Keiner sagt etwas.
Prüfungsaufsicht: »Hätte einer von ihnen jetzt eine besonders schwere Frage gestellt, hätte ich geantwortet „Ihre Frage ist so schön, dass ich sie nicht mit einer Antwort verderben will“. Den Spruch können Sie immer bringen. Oder sie halten es mit Karl Valentin: „Dazu will ich nichts sagen. Und  nichts wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ Das kann man auch immer sagen. Naja. Vielleicht nicht immer. In der mündlichen Prüfung würde ich Ihnen das nicht empfehlen. Na gu… äh… wir teilen jetzt die Angaben aus. Bitte lassen Sie diese liegen, bis…«

Der Wille zählt.

Definition: „juristische Personen“

hM: Vereinigungen von Personen oder Sachen zu einer rechtlich geregelten Einheit, die Rechtsfähigkeit haben. Können Träger von Rechten und Pflichten sein und vor Gericht klagen und verklagt werden.

aA: Personen, die in der Justiz tätig sind, z.B. Richter und Rechtsanwälte.

mM: Personen, die für den Staat tätig und daher keine Menschen sind:

CjKml7cW0AA-nRhvia @vlad_kero

Gerichtsberichterstattung II – Wochenblatt Regensburg

Nach meinem neulichen Grant über Gerichtsberichterstattung, liefert mir das Wochenblatt Regensburg gerade Anlass, mich über erneut ein wenig auszulassen. Und ja, ich weiß, dass das Wochenblatt ein leichtes Ziel ist, aber da trifft es zumindest nie den Falschen.

Das Wochenblatt Regensburg berichtet heute in ihrer Onlineausgabe über einen Verwaltungsrechtsstreit zwischen dem Betreiber einer Eisdiele und der Stadt Regensburg.

Sachverhalt (verkürzt, weil für Art der Berichterstattung egal)

Der Betreiber möchte vor seiner Eisdiele Stehtische und Barhocker aufstellen. Die Stadt verweigerte ihm dies u.a. deshalb, weil durch die Möblierung die historische Fassade des Hauses verdeckt würde.
Weiterer Streitpunkt ist der Durchgangsverkehr, da das Lokal sich in einer belebten, aber auch engen Straße befindet, die von Anliegern, Lieferverkehr, Taxen und Omnibussen genutzt wird. Zudem gibt es in fraglicher Straße noch weitere Lokale, die ebenfalls kleine Freisitze betreiben, deren Genehmigung umstritten ist.
Ergebnis: die Klage wurde abgewiesen.

Teasertext

Es fängt schon wunderbar an:

„Die Klage der Eisdiele Stenz auf Barhocker und Stehtische in der Gesandtenstraße wurde vom Verwaltungsgericht abgewiesen.“

Saß der Kläger auf einem Barhocker und klagte? Wurde die Klageschrift auf einem Stehtisch vor dem Verwaltungsgericht abgelegt? Möchte der Kläger einen Satz Barhocker mit passenden Stehtischen von der Stadt Regensburg bekommen?
Oder klagt der Betreiber Vielmehr auf eine Genehmigung, entsprechende Möbel aufstellen zu dürfen? Ob der Kläger nun tatsächlich eine Genehmigung oder die Aufhebung der Untersagung begehrt, ist aus dem Artikel letztlich nicht ersichtlich. Die Mittelbayerische schreibt, dass die Klage auf Erlass einer Sondergenehmigung gerichtet ist.

Emotionen! Emotionen! Emotionen!

Das Wochenblatt berichtete bereits letzte Woche, dass es „am Mittwoch, 18. Mai, vor dem Regensburger Verwaltungsgericht am Haidplatz zu einem Showdown zwischen der Snowball GmbH und der Stadt Regensburg“ kommen würde. Dann werde nämlich eine „kuriose Klage“ verhandelt.

Der Autor* des Artikels offenbart gleich zu Beginn das Ausmaß seiner Kenntnisse über Verfahren vor dem Verwaltungsgericht. Denn es handelt sich dabei um alles andere als einen „Showdown“. Ich hab das nochmal nachgeprüft: es kam tatsächlich nicht zu einem Pistolenduell zwischen dem Kläger und dem Bürgermeister der Stadt um 12 Uhr Mittags auf dem Haidplatz. Es wurde tatsächlich nur ganz normal mündlich verhandelt.

Und die Klage ist auch alles andere als „kurios“. Der Kläger verlangt eine Genehmigung, die Stadt verweigert diese. Das ist sozusagen der „GSF“. Der „größtmögliche Standardfall“. Aber sowas will ja keiner lesen.

Wenn man dem Leser nicht sagt, was er denken soll, woher soll er das dann wissen!?

Glücklicherweise wird dem Leser nicht zu viel zugemutet. Beispielsweise die eigenständige Einordnung der Argumente der Parteien. Es wird einem sofort mitgeteilt, das Argument der Stadt Regenburg, Stehtische verdecken die historische Fassade mehr, als niedrige Tische, sei „wenig nachvollziehbar“.
Wenn man aber mal ganz unvoreingenommen darüber nachdenkt, erscheint einem die Logik gar nicht mal so abwegig. Ein 80cm hoher Tisch ist doch kleiner, als ein 140cm hoher, oder? Ich habe mal versucht, das mit einer einfachen Skizze zu visualisieren:

2016-05-19 14.03.13

Und tatsächlich: während der kleine Tisch nur 20 Kästchen verdeckt, sind es beim großen ganze 35!

Sie werden nicht glauben, was das Verwaltungsgericht als nächstes tat!

Als sei die Klageabweisung noch nicht schlimm genug, wurde der Kläger dann auch noch „verdonnert“ die Kosten des Verfahrens zu tragen!
Unfassbar! In was für einer Welt leben wir eigentlich? Der Kläger verliert UND muss die Kosten tragen!
Der Autor impliziert, das Gericht hätte eine Wahl bei dieser Entscheidung gehabt. Und nur aus Bösartigkeit hat man dem armen Kläger jetzt auch noch die Kosten aufgebrummt.

Stil

Noch ein paar Highlights aus dem Artikel:

„Die Argumente des Stenz-Betreibers: Die Barhocker würden weniger Platz brauchen als die regulären Stühle.“

Konjunktiv irrealis? Also brauchen die Barhocker doch mehr Platz? Oder scheitert der Autor hier an der indirekten Rede?

„An dieser Stelle, die sich oft die lange Stenz-Warteschlange teilen mit Anwohnern, die berechtigt durch die Gesandtenstraße fahren, Fahrradfahrern und Fußgängern, dürfte der Stenz Stühle und Tische in einer Tiefe bis zu 1,10 Metern aufstellen.“

Hand hoch, wer den Satz beim ersten Lesen verstanden hat. Man scheitert zunächst nicht nur an der kunstvollen Verschachtelung. Völlig unverständlich wird der Satz durch die falsche Verwendung des Verbs „teilen“, statt „teilt“.

„Ausnahmen sollten nur in Ausnahmefällen möglich sein […].“

Wer hätte das gedacht.


*Chefredakteur Dr. Christian Eckl, siehe auch hier.

Piep, piep, piep, keiner hat uns lieb.

„Wir“, also Deutschland, also Jaimee-Lee, die für Deutschland antrat, sind „schon wieder“ Letzter beim Eurovision Song Contest geworden.
Woran lags? War das Lied so schlecht? Waren die anderen so viel besser? Natürlich nicht! Alles eine Frage der Politik!
Der Stammtisch Volksmund weiß doch: beim ESC geht es nur um Politik. Die ehemaligen Ostblockstaaten schachern sich die Punkte zu und keiner mag die Deutschen. Logische Folge: Merkel ist schuld!

Kommentar Merkel

Kommentar Ostblock

Die Deutschen Platzierungen in den letzten 20 Jahren sprechen Bände – oder?

2002 bis 2009 war der/die deutsche Teilnehmer/in immer im hinteren Drittel. Seit 2013 genauso!
Ok, von 1998 bis 2001 waren wir immer in den Top 10 (Sürpriz schaffte es 1999 sogar auf Platz 3, Stefan Raab 2000 auf Platz 5). Naja, Lena Meyer-Landrut haben wir natürlich auch noch nicht vergessen, die 2010 gewann und 2011 auf Platz 10 kam.
Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass in den Jahren, in denen Deutschland schlecht abschnitt, die Lieder halt auch echt kacke waren. Können Sie sich noch an Corinna May 2002 (Platz 21 von 24) erinnern? Ihr Song schaffte es sogar in den Deutschen Charts nur auf Platz 72! Oder können Sie wenigstens den Refrain des letztjährigen Songs mitsummen? Wissen Sie überhaupt noch wer das war?* Eben.

Alles nur Politik!

Benachbarte Staaten schachern sich die Punkte zu und wen man nicht mag, der wird gemobbt (also vor allem Deutschland).
1. Wie konnte Australien dann auf Platz 2 kommen, so ganz ohne die Hilfe von Indonesien und Neuseeland?
2. die Staaten des ehemaligen Jugoslawien haben so ihre (politischen) Differenzen. Trotzdem gab man sich Punkte. Ist das jetzt eine politische Frage oder nicht?
3. Das deutsche Publikum gab 12 Punkte an Russland. Auch das wurde kritisiert oder als „Arschtritt für Merkels Russlandkurs“ interpretiert.

Twitter Russland

Man sieht also die politischen Zusammenhänge nur da, wo sie einem passen. Im Zweifel wird es eben so interpretiert, wie mans gern hätte.

Aber „unser Geld“ wollen sie schon!

Deutschland ist einer der Hauptfinanzierer des ESC. Daher ist es, wie vier weitere Länder, automatisch für das Finale qualifiziert. Das wird, vielleicht nicht ganz zu unrecht, als „erkaufte Finalteilnahme“ kritisiert.
Einige Zuschauer gehen aber noch einen Schritt weiter:

Kommentar wir zahlen

Dahinter steckt die Logik, wer zahlt, sollte auch Punkte bekommen. Ja is‘ klar. Und als nächstes wird sich Frankreich beschweren, weil es doch eine teure EM ausrichtet, aber in der Vorrunde rausfliegen wird.

Schlechte Verlierer

„Wir Deutschen“ sind einfach schlechte Verlierer. Das ist bis zu einem gewissen Grad ok, solange man sich dessen bewusst ist und damit umgehen kann. Es kann zum Beispiel auch als Ehrgeiz interpretiert werden. Was mittlerweile in den Medien abgeht, ist aber schon fast krankhaft. Wichtig ist immer nur, dass „wir Deutschen“ die Besten sind.

Der zweite Platz ist der erste Verlierer. Da passiert es dann, dass ein Fußballverein Deutscher Meister wird und man das nickend zur Kenntnis nimmt. Oder wenn ein Biathlet „nur Silber“ gewinnt, wird er im Ziel vom Reporter gefragt, was denn schief gelaufen sei.

Jetzt müssen Konsequenzen gezogen werden!

Aber wie soll man denn jetzt reagieren? Natürlich, man könnte sagen, wir spielen nicht mehr mit.

Kommentar GEZ

Dann würde man sich auf dem Niveau des dicken Jungen bewegen, der seinen Fußball nimmt und nach Hause geht, weil er es nicht schafft, gegen die anderen Kinder ein Tor zu schießen. Das wäre der einfache, billige Weg. Nach dem Motto: „Wenn wir nicht gewinnen können, spielen wir nicht mehr mit!“

Oder man kommt ein bisschen klar und lernt auch mal zu verlieren. Etwas, das unserer Gesellschaft überhaupt gut täte. Natürlich würden viele dazu sagen: „Wenn alle so denken würden, wäre Deutschland nicht da, wo es jetzt ist!“
Das mag sein, aber wer sagt, dass es dann so viel schlechter wäre? Wäre es so schlimm, wenn das Scheitern gesellschaftlich akzeptiert wäre? Wenn auch der Erfahrungsgewinn zählen würde, auch ohne Pokal, Medaille, Urkunde? Wenn man (sogar mit Stolz?) sagen könnte „Jo, das ging daneben, das hat mich Lebenszeit gekostet, aber ich bin daran gereift!“?

Ich schweife ab.

Worauf ich hinaus will: Hört auf, hinter allem, was euch nicht in den Kram passt, eine Verschwörung zu vermuten. Akzeptiert, dass auch die anderen mal gewinnen. Oder verpackt eure Wut wenigstens auf lustige Weise:

Kommentar jeden tag im radio

*Ann Sophie mit Black Smoke, Platz 27 von 27, Platz 26 in den deutschen Charts)